Die Dunkelheit und die Angst
„Mama! Maaaama!“ Das ängstliche Kinderweinen schallte durch das dunkle Apartment, während Paula, gerade mal sieben Jahre alt, verzweifelt das Telefon in ihrer kleinen, zitternden Hand hielt. „Komm bitte nach Hause!“, rief sie erneut, doch die Stille im Raum war erdrückend. Um 2:17 Uhr war die einzige Antwort das leise Schluchzen ihres kleinen Bruders, der in einer Ecke des Zimmers kauerte. „Die Polizei ist unterwegs, du musst einfach warten,“ hatte der Dispatcher vor wenigen Minuten gesagt. Aber das Warten fühlte sich endlos an.
„Ich mache die Tür nicht auf!“, flüsterte sie, und die Finger ihrer anderen Hand umklammerten die Decke, die sie ihrem Bruder umgelegt hatte. „Mama hat gesagt, ich soll nicht öffnen.“ Tränen liefen über ihr Gesicht, während der Klang ihrer eigenen Stimme wie ein Stück Hoffnung in der Dunkelheit schien.
„Kannst du mir sagen, ob irgendwo sonst noch Lichter ausgefallen sind?“ Der Dispatcher war ruhig und fest, aber die leise Panik hinter seinen Worten war nicht zu übersehen. Paula schleppte sich zum Fenster, das grelle Licht des Straßenlaterne schnitt durch die Dunkelheit wie ein Messer. „Bei uns ist es dunkel. Bei allen anderen sind die Lichter an.“
Das änderte alles. Schreck schoss ihr durch den Körper, als sie die feine Kälte der Angst spürte, die sich wie ein Gewitter über das Apartment legte. Sie dachte an den Klang, den die Haustür gemacht hatte, als Mama sie zugeknallt hatte, bevor sie in den Flur verschwand. „Hast du gehört, mit wem sie gesprochen hat?“ fragte der Dispatcher erneut, seine Stimme fest und ruhig.
„Ein Mann.“ Paula hörte, wie die Worte aus ihrem Mund kamen, aber sie fühlte sich dabei wie in einem Albtraum gefangen. Und dann brach der schreckliche, wütende Klang ihres Bruders das Geplätscher ihrer Gedanken.
„Halt den Mund, Lukas!“, zischte sie, als sie ihn in die Arme nahm, und ihn sanft schüttelte. „Es wird alles gut werden, ich verspreche es.“
Die Polizei kam schnell, die Stimmen draußen verwandelten sich in ein hektisches Gewirr. „Wir müssen die Tür aufbrechen.“ „Stellen Sie sicher, dass keiner von ihnen das Apartment verlässt.“ Paula hörte die Männer sprechen, aber ihre Gedanken driften wieder zu Mama. Sie hatte gesagt, sie käme gleich zurück.
Die Beamten traten ein, ihre Taschenlampen durchleuchteten den Raum, der plötzlich so fremd und unheimlich wirkte. Das Licht glitt über die Wand, und das Bild ihrer Familie, das darauf hing, weckte all die Erinnerungen an Sicherheit und Liebe.
„Was haben wir hier?“, murmelte einer der Beamten, während er die Müsli-Schachtel bemerkte, die offen auf dem Tisch lag. „Das Essen ist so gut wie leer. Wer kümmert sich um diese Kinder?“
„Es war ein Stromausfall, kein weiterer Anruf aus dem Viertel“, warf ein anderer ein. „Aber…“ Er trat zur Wand, wo der Stromverteiler war, und sah, dass der Schalter absichtlich heruntergedrückt worden war.
„Das ist nicht gut“, murmelte der Beamte und sah auf die restlichen Gegenstände in der Wohnung. „Die Mutter hat ihre Brieftasche und ihr Telefon hier gelassen.“ Ein weiterer Beamter schaltete das Licht wieder an und der Raum erwachte zum Leben.
„Habt ihr etwas gesehen?“, fragte derselbe Beamte, der die Fragen stellte. Seine Stimme war von einer unbestimmten Besorgnis gekennzeichnet.

Paula fühlte, wie sich die Scham in ihr hochstauchte. „Mama war nicht wütend. Sie hatte Angst. Sie hat ständig hinter sich geschaut.“ Ihr Herz schlug laut, die Angst schnürte ihr die Kehle zu, als sie die Erinnerungen in ihrem Kopf hörte.
„Sie wird zurückkommen, oder?“, fragte Lukas mit zitternder Stimme, und sie drückte ihn fester an sich. „Natürlich, kleiner Bruder. Mama hat gesagt, sie kommt gleich zurück.“
Die Gespräche der Beamten verstummten, und Paula spürte, wie ihre eigenen Gedanken sich wie aus einem Albtraum zusammenzogen. Der ältere Beamte war jetzt besonders aufmerksam, während er das Schlafzimmer betrat, nur um einen weiteren Dunst von Vernunft zu spüren: „Hör zu, ich brauche deine Hilfe, was kann ich tun?“
Paula hatte nicht einmal bemerkt, wie die anderen Nachbarn der Wohnanlage sich im Flur versammelt hatten, besorgt, aber gleichzeitig neugierig. „Ich dachte, sie hätten gestritten“, murmelte eine junge Frau, die stumm hinter der Wand hervorlugte. Ihr Blick war sowohl neugierig als auch von Mitleid geprägt. „Ich wollte mich nicht einmischen“, fügte sie hinzu, während ihre Schulter gegen die Wand gerieben wurde. Die Vorurteile schienen sich saghaft aufzulösen.
„Hört mal zu! Alle ruhig bleiben“, rief der Beamte. „Wir müssen herausfinden, was hier passiert ist. Sehen Sie sich bitte um.“
Die Ungeduld und die Sorgen der Nachbarn, die Augen brachten abwechselnd Taten und Trübsal zu Licht. „Ich habe es teilweise aufgenommen“, murmelte die Nachbarin und reichte ihr Telefon dem Beamten, während sie auf den Boden starrte.
„Der Mann hat mich nervös gemacht“, fügte sie hinzu. Es war der kritische Moment, der die Aufmerksamkeit aller auf sich zog. „Könnte ich jemand finden, der mich unterstützen kann?“
Die Worte schwebten im Raum, und Paula spürte, wie die Sorgen der anderen in sie eindrangen. „Ich wollte nicht, dass er hört, dass ich ihn gesehen habe“, bemerkte die junge Nachbarin erneut.
Ein neuer Beamter trat ein, um zuzuhören und das Gespräch zu dokumentieren. „Wir brauchen mehr Informationen. Wer hat das Apartment betreten?“ fragte er mit ernstem Ton.
„Niemand hatte bei mir geklingelt“, antwortete der Beamte zurückhaltend. „Dieser Mann… Hast du ihn gut gesehen?“
Während Paula die Gespräche verfolgt, nahm ein anderer Beamter den Anruf von Paula entgegen und stellte sicher, dass ihre liebevolle Mutter in Sicherheit war. „Wir finden sie, ja?“, fragte er Paula. „Wir werden ein Aufgebot schicken. Ich verspreche dir, dass wir alles tun, um sicherzustellen, dass deine Mama gut ist.“
“Ich will nichts anderes als egal was, was passiert, einen Grund zum Glauben!“, ruft sie.
Das Gerede der Beamten verhallt längst im Treppenhaus. Die Berichterstattung der Nachbarn, gefüllt mit der Sorge um die Kinder wiegte sich fragend. Der dunkelste Albtraum der kleinen Paula fand schließlich kein Ende – wenn da nur das Licht der Wahrheit wäre.